Seit Mitte Oktober werden Besucher der Webseiten von Tamedia (zum Beispiel 20 Minuten oder Tagesanzeiger), Ringier (Blick), CH Media (etwa Aargauer Zeitung, Solothurner Zeitung, Luzerner Zeitung usw.) und NZZ aufgefordert, sich einzuloggen (>> soaktuell.ch hat berichtet). Nächstes Jahr sollen nur noch registrierte User Zugang zu diesen Schweizer Newsseiten haben. Doch die Internet-Leser wollen sich mehrheitlich nicht registrieren und ihre Daten auch nicht für personalisierte Werbung hergeben. Sie springen reihenweise ab. Es profitieren andere Online-Zeitungen wie soaktuell.ch. 

Ein Kommentar von Roman Jäggi, Inhaber Internet-Zeitung soaktuell.ch

Unabhängig davon, was die grossen Verlage mit ihren unrentablen Online-Zeitungen machen, jemand profitiert ganz bestimmt davon: Nämlich die kleineren Online-Medien wie soaktuell.ch, nau.ch, linth24.ch, onlinereports.ch usw.! Denn sie haben in den letzten Wochen teilweise massiv erhöhte Besucherzahlen. 

Reden wir Klartext: Die Schweizer Internet-Nutzer wollen sich mehrheitlich nicht registrieren, sie wollen nicht "auswertbar" werden, sie wollen keine personalisierte Werbung und die meisten haben auch nicht die Absicht, im grossen Stil für Nachrichten zu bezahlen. 

Leseverhalten wird registriert

Zwar ist der Registrierungs-Prozess bei den grossen Medienhäusern niederschwellig angelegt, E-Mail-Adresse und Passwort reichen noch. Doch die Leserinnen und Leser wissen genau, dass damit die Nutzung von Artikeln, News, Videos und Beiträgen jeder registrierten Person zugeordnet werden kann. Es entstehen genaue Bilder des Leseverhaltens. Wer gerne Artikel über Sexpielzeug oder Umfragen zum Sexleben liest, wird genau so erfasst, wie jene, die primär Artikel über die SVP oder den "Bachelor" lesen. So entstehen Lesemuster, die auf die Person genau zugeordnet werden können. Kein Wunder, dass dies viele Leserinnen und Leser abschreckt. 

Die grossen Verlage geben denn auch zu, dass «die durch eine Registrierung verbesserte Datenbasis die Medienhäuser mittelfristig in die Lage versetze, zielgenauere Werbung zu platzieren». Und die Leser wissen genau, dass sie ob kurz oder lang mit Telefonanrufen belästigt werden, die ihnen als registrierte Online-Zeitungsnutzer auch gleich ein Online-Abo verkaufen wollen. 

Politik stört sich am Vorgehen der grossen Verlage

Der Zwang zum Login stört etwa Claudio Schmid. Der Zürcher SVP-Kantonsrat und Unternehmer hat bei der Wettbewerbskommission Beschwerde eingereicht, wie Nau.ch schreibt. Schmid sagt gegenüber Nau.ch: «Das ist meines Erachtens ein krasser Verstoss gegen das Schweizer Kartellgesetz». Keine Freude an der Login-Allianz hat auch SP-Nationalrat Matthias Aebischer. Er kritisiert das Vorgehen der vier grossen Verlage bei Nau.ch scharf: Er wolle im Netz nicht verfolgt und über die eigenen Vorlieben ausspioniert werden. Die «Big Four» würden einen derart grossen Bereich abdecken, dass der User praktisch keine Möglichkeit mehr habe, eine Zeitung zu lesen, ohne dass sein Tun erfasst werde, wählt Aebischer klare Worte.

Entscheid aus der "Papierwelt"

Das Vorgehen mit der Login-Allianz über mehrere Verlagshäuser hinweg zeigt einmal mehr, dass deren Entscheidungsträger immer noch in ihrer alten "Papierwelt" verhaftet sind. Sie ticken einfach nicht online, weil sie es nicht können. Sie kennen vielleicht ihre Zeitungsleser, aber nicht die Online-Leser. Das Vorhaben, so viele Online-Leser wie möglich zum Registrieren zu zwingen, um ihnen später einfacher ein Online-Abonnement anzudrehen, ist so durchschaubar wie ungeschickt. Es wird in der Schweiz kaum funktionieren. 

Kein Vergleich mit Google, Facebook und Co.

Die Registrierung sei bei nahezu allen grossen amerikanischen Technologiekonzernen wie Facebook, Google, Instagram und Co. Standard, argumentieren die Medienhäuser. Das mag sein. Aber dort sind die persönlichen Daten schon mal in ausländischen, wesentlich anonymeren Händen. Wenn die Redaktion der Tageszeitung in der eigenen Region unser Leserverhalten auswertet, ist das eine ganz andere Sache. Und schliesslich bekommen die Nutzer etwa bei Google Gegenleistungen in Form von Kalendern, E-Mail Adressen, Bilddatenbanken, Navigationssystemen, Speicherplatz usw., die das Leben der Nutzer wirklich verändern. Letzteres kann man bei der Registrierung etwa auf solothurnerzeitung.ch nicht unbedingt behaupten. Der Schweizer und die Schweizerin sind nur bereit ihre Daten abzugeben, wenn sie im Gegenzug etwas Einzigartiges erhalten. Doch der von den Verlagen selbst deklarierte "Qualitätsjournalismus" ist nichts Einzigartiges. Der Begriff belegt die Verhaftung in der alten "Papierwelt". Denn, was die grossen Verlage als "Qualitätsjournalismus" ansehen, ist für die Online-Leser ganz einfach nur ein Artikel von vielen, den sie an diesem Tag lesen oder überfliegen. 

Hinzu kommt, dass wir in unserem kleinen Land von einer Masse an deutschsprachigen Info- und Newsangeboten umgeben sind. Kein Mensch braucht für internationale und nationale News aus Aarau zu bezahlen, wenn es sie im Netz mehrfach gratis gibt. Und für die verbleibenden regionalen News aus der Region gibts wie erwähnt die privaten Online-Zeitungen, bei denen man sich nicht registrieren muss und die auch in Zukunft gratis bleiben. Sie sind die einzigen Medien, die von der Login-Allianz der Grossen wirklich profitieren werden. Und sie rüsten in den nächsten Jahren auf. Das ist gut für die Medienvielfalt in der Schweiz. 

Werfen wir nun einen exklusiven Blick auf einen Ausschnitt aus der Benutzerstatistik von soaktuell.ch und schauen wir, wie stark die täglichen Besucherzahlen (unique clients) seit der Einführung der Registrierungspflicht der grossen Medien zugenommen haben. Die Zahl der täglichen Besucher bei soaktuell.ch ist von vorher durchschnittlich 3500 auf durchschnittlich 5800 gestiegen. Tendenz: Stark steigend!

Irgendwo fehlen diese Leserinnen und Leser, die soaktuell.ch gratis und franko gewonnen hat. Wir haben da so eine Vermutung, wo die fehlen könnten. Wir rechnen mit einer weiteren sprunghaften Zunahme der Leserzahlen, wenn die Grossen nächstes Jahr wirklich nur noch über ein Zwangs-Login zugänglich sein werden. Möglich ist aber auch, dass die Login-Allianz scheitert und einige oder alle teilnehmenden Medien wieder aussteigen. Über den weiteren Verlauf der Login-Allianz der grossen Verlage halten wir Sie gerne auf dem Laufenden. 

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