Das Thema Auswanderung in die Schweiz spielt in einigen Ländern eine Rolle. Sowohl aus Italien und Frankreich als auch aus Deutschland kommen regelmässig Menschen in die Alpenrepublik, um dort zu arbeiten und dauerhaft zu bleiben. Im Bereich der medizinischen Versorgung ist das bisher essenziell und wird es vermutlich auch in der nahen Zukunft bleiben. Doch warum zieht es gerade deutsche Mediziner so sehr in die Schweiz?

Martina Gloor

Ein Rückblick verrät, warum die Zuwanderung deutscher Mediziner wünschenswert ist: so kam es an den Universitäten der Schweiz in den Achtzigerjahren zu einer Verringerung der Plätze für Medizinstudenten. Als logische Konsequenz verringerte sich auch die Anzahl der diplomierten Mediziner.

Da das Bevölkerungswachstum in der Schweiz im Gegensatz zu den Studienplätzen allerdings einem steigenden Trend folgte, kam es schon bald zu ersten Anzeichen einer mangelnden Versorgung. Es brauchte Ärzte aus dem Ausland, um leere Stellen zu besetzen und Lücken zu schliessen. Auch heute noch gehört jeder dritte Mediziner in der Schweiz zu jenen, die ihr Studium im Ausland abgeschlossen haben. Etwa 6.800 Ärzte kommen dabei aus Deutschland. Französische und italienische Ärzte finden sich vor allem in den entsprechenden Regionen nahe der jeweiligen Landesgrenze. Das hat für sie auch sprachliche Vorzüge.

Wenngleich sich die Anzahl der verfügbaren Studienplätze in der Schweiz in der vergangenen Dekade nahezu verdoppelt hat, steht ein Grossteil der Studenten und Absolventen dem Arbeitsmarkt noch nicht zur Verfügung. Zusätzlich zum Medizinstudium müssen auch fachärztliche Ausbildungen gemeistert werden, was Zeit in Anspruch nimmt. Daher ist damit zu rechnen, dass Ärzte aus Deutschland auch weiterhin willkommen bleiben werden.

Warum sich deutsche Ärzte in der Schweiz wohler fühlen

Es gibt verschiedene Gründe, die einen deutschen Arzt nach seinem Studium und der fachärztlichen Ausbildung dazu bewegen, in die Alpenrepublik zu gehen. Nicht unbedeutend ist in diesem Zusammenhang die finanzielle Situation, denn Schweizer Ärzteeinkommen übersteigen jene aus der Bundesrepublik. Zudem sind auch die Karrieremöglichkeiten meist vielversprechender. Für viele deutsche Mediziner sind Arzt Jobs in der Schweiz deshalb wesentlich attraktiver.

Es gibt jedoch noch einen weiteren Aspekt, der die Schweiz als Arbeitsland anziehender wirken lässt: Mediziner müssen sich in Deutschland bereits seit drei Jahrzehnten mit sogenannten Globalbudgets auseinandersetzen, die ihnen ein festes Jahresbudget vorschreiben. Die adäquate Versorgung von Patienten im ambulanten Bereich ist aus diesem Grund nicht immer möglich, da wirtschaftliche und medizinische Interessen miteinander kollidieren. Ärzte in Deutschland fühlen sich darum häufig nicht mehr dazu in der Lage, ihre moralischen und menschlichen Werte in der Praxis zu leben.

In den letzten Dekaden kamen Ärzte deswegen sehr bereitwillig in die Schweiz. Zu finden ist die hochdeutsche Sprache daher nicht nur in jenen Regionen nahe der Grenze, sondern auch in Gemeinden der Zentralschweiz. Hat das Patienten eingangs noch ein wenig irritiert, gelten Mediziner aus dem Ausland inzwischen als etabliert. Der deutsche Arzt nämlich erweist sich als kompetent und arbeitsfreudig. Während er viele Arbeitsstunden in der Woche auf sich nimmt, haben einheimische Ärzte oftmals andere Vorstellungen von ihrem Arbeitspensum.

Experten warnen vor Verschiebung der Mangelsituation

Eine Abwanderung deutscher Ärzte in die Schweiz erscheint für das Zielland auf den ersten Blick vorteilhaft. Die Mediziner füllen nicht nur quantitative Lücken, sondern erweisen sich auch qualitativ als adäquate Partner in der ambulanten Versorgung. Ob sich an der Attraktivität künftig etwas ändern wird, bleibt abzuwarten. Immerhin stehen laut dieser Medienmitteilung des Bundesrats inzwischen auch in der Schweiz Einsparungsmassnahmen bevor. 

Verluste im Bereich der medizinischen Versorgung kann Deutschland indes immer weniger gut verkraften. Wie in der Schweiz gibt es in der Bundesrepublik viele Ärzte, die bald pensioniert werden und dementsprechend leere Praxen hinterlassen. Das Problem dabei ist, dass in Deutschland der Nachwuchs ebenfalls fehlt. Dem Ärztemangel begegnen will das Land zwar mit internen Massnahmen, die externe Zuhilfenahme von Medizinern aus dem Ausland bleibt aber dennoch notwendig.

Dies wiederum kann einen Ärztemangel in weiteren Ländern provozieren. Sehr anschaulich wird an dieser Stelle, dass Zuwanderung stets mit Abwanderung verbunden ist. Die Medaille hat folglich zwei Seiten, die von allen Beteiligten betrachtet werden sollten. Sowohl interne als auch externe Massnahmen, die die Arbeit für Ärzte in den Ländern attraktiver gestalten und für ausreichend Nachwuchs sorgen, könnten Mangelsituationen entschärfen.

Inwiefern sich die Zuwanderung in die Schweiz in der Zukunft gestalten wird, ist sicherlich abhängig von der Zufriedenheit der Studierten mit den Gesundheitssystemen.

 

Symbolbild von Martin Buedenbender / pixelio.de